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Pop-Dialog vom 21.03.2009
Justin Kniest: "Wenn der Sprit fehlt..."
Fabchannel-Gründer
Justin Kniest im Paradiso
AMSTERDAM, 12.03.2009 (100). Neun Jahre streamten die 15 Mitarbeiter von Fabchannel kostenlos Konzertmitschnitte von Künstlern wie Arcade Fire, Bloc Party, MGMT oder Gabriella Cilmi, die sie selbst in Amsterdamer Konzertlocation wie dem Paradiso produzierten.

Weltstars, die als Zugpferde gedient und damit die Finanzierung der Seite gewährleistet hätten, konnten wegen fehlender Unterstützung der Major-Labels aber nicht im genügenden Maße geboten werden. Seit Freitag dem 13. März, für Abergläubige ohnehin ein Unheil versprechendes Datum, ist das komplette Video-Archiv nun offline. Justin Kniest sprach mit Pop100 über seine gescheiterten Visionen und warum er trotzdem stolz auf die vergangene Zeit zurückblickt. Fabchannel war für ihn ein "Flugzeug", das alle technischen Voraussetzungen für einen Steilflug mitbrachte aber ohne Treibstoff kann eben auch der beste Stahlvogel nicht fliegen.


Pop100: Warum wird Fabchannel eingestellt?

Justin Kniest: Unser strukturelles Problem ist es, dass wir keine Lizenzen von Majors bekommen haben. Wie jedes Medium brauchen wir Zuschauer, um Anzeigen und Sponsoren zu akquirieren. Im vergangenen Jahr haben wir mit der Vereinbarung mit Universal einen guten Schritt in die Richtung gemacht, aber es ist uns danach nicht gelungen, auch die anderen Majors ins Boot zu holen.

In den letzten Monaten musste ich einsehen, dass meine Vorstellung, dass wenn eine Firma in die Krise rutscht, sie nach anderen Partnern am Markt sucht, sich nicht umsetzten lässt. Im Gegenteil: Kooperationsvereinbarungen werden nur nach kurzfristigen Kriterien beurteilt: "Bringt uns das jetzt oder nächste Woche Geld ein oder überhaupt nicht?". Wenn es kein schnelles Geld bringt, besteht auch kein Interesse.

Unter diesen Voraussetzungen kann ich als Geschäftsführer nicht mit Banken über Kredite und Investitionen verhandeln. Deshalb haben wir einen Schlussstrich gezogen, weil jetzt noch genug Zeit ist, um das Ganze ohne Bankrott zu beenden.

Schlimm ist auch, dass wir das Online-Archiv nicht behalten können, weil die GEMA-Gebühren zu viel Geld kosten. Außerdem steht die Online-Werbung unter Druck, weil die TKP-Preise immer niedriger werden. Aber es wäre zu leicht, alles auf die Kreditkrise zu schieben. Aus all diesen Gründen haben wir nach Neujahr gesagt, dass wir nicht mehr weiter machen können, was wirklich schade ist, weil wir eine fantastische Crew haben. Aber wenn der Sprit fehlt

Pop100: Was meinst du mit "Sprit"?

Kniest: Bands. Wenn man keine Top-Mainstream-Band hat, wie vor zwei Jahren die Queens of the Stoneage, dann bleiben nur die Upcoming-Bands, was wir auch toll finden. Wir hatten zum Beispiel MGMT, als sie noch unbekannt waren. Aber man braucht Mainstream-Acts, um die Newcomer zu promoten und die hatten wir nicht. Das hat sich immer wieder gezeigt: Spiegel Online, mit denen wir einen Deal hatten, hat zum Beispiel Gabriella Cilmi zum Konzert der Woche gemacht und wir hatten damit eine super Quote. Bei den Cold War Kids hat es aber eben nicht geklappt.

Pop100: Wie sieht es bei der werbenden Wirtschaft aus? Fabchannel war immer auch State of The Art bezüglich der technischen Plattform. Haben die das in Form von Werbebuchungen honoriert?

Kniest: Das hat leider auch nicht geklappt. Zurzeit zeigt sich, dass Werbeagenturen das Internet als ein Direct-Marketing-Tool sehen und das Einzige was gilt, sind ganz viele Zuschauer. Sites wie unsere, die nicht 100.000 Leute pro Tag oder wenigstens 300.000 im Monat pro Land erreichen, sind zu klein und müssen einem Vermarktungsbetrieb beitreten.

Die Konkurrenz zwischen den Vermarktungsbetrieben ist allerdings so groß, dass sie die Preise unter Druck setzen. Im vergangenen Jahr haben wir noch 10 oder 15 Euro für einen skyscraper oder ein full banner bekommen, jetzt sprechen wir über einen Euro oder 80 Cent. Das rechnet sich nicht. Natürlich haben wir auch private Investoren hier in Amsterdam, die zu uns gehalten haben und nicht gesagt haben: "Stopp jetzt". Die Reißleine habe ich gezogen, weil ich der Meinung bin, dass es nichts bringt, neues Geld reinzustecken. Dann wären wir in acht Monaten wieder in der gleichen Position. Deshalb habe ich gesagt, lasst uns versuchen, nicht Bankrott zu gehen und das heißt jetzt, alles zu stoppen.

Pop100: Fast alle großen Seiten im Internet sind amerikanischer Herkunft. In Europa gibt es kaum Angebote, die europaweit gut funktionieren und relevant sind. Fabchannel gehörte mit zu den wenigen Seiten, die aufgrund der Technologie und des Contents das Zeug dazu gehabt hätten, wirklich groß zu werden. Hättest du dir gewünscht, dass du in dieser Hinsicht mehr Unterstützung bekommen hättest, um Fabchannel zu einem großen rollout zu verhelfen?

Kniest: Ich bin stolz auf die Plattform, die wir haben. Fabchannel ist genauso gut wie Brightcove. Okay, YouTube ist mit den Millionen von Google eine andere Liga, aber wir können uns mit diesen Parteien technologisch messen. Wir haben im letzten Jahr auch viel in Secure Streaming investiert. Aber jetzt steht das Flugzeug ohne Sprit, ohne Kerosin da. Wenn wir eine Fußballseite mit allen Übertragungsrechten gemacht hätten, dann wäre die Plattform, die wir haben, eine der Besten.

Im vergangenen Jahr habe ich alle Konzert-Streams der großen Major-Künstler gesehen und die haben nicht hingehauen. Technologisch sind wir top, aber das bringt uns nichts, weil wir im Herzen kein IT-Betrieb sind.

Pop100: Gibt es Interessenten, die sich jetzt eventuell schon darum bemühen, eure Plattform zu kaufen?

Kniest: Wir sind erst vor drei, vier Stunden damit an die Öffentlichkeit gegangen und im Moment sind es nur die Presse und ein paar Investoren, die fragen, ob man einen Teil kaufen kann.

Aber das ist ein Thema um das wir uns später kümmern. Es ist ja nicht so, dass die Plattform jetzt weg ist. Die Technologie behalten wir natürlich, aber alle weiteren Aktivitäten mussten gestoppt werden. Die Hauptkosten sind dabei natürlich die Mitarbeiter.

Pop100: Was passiert mit dem Content, den ihr bislang produziert habt?

Kniest: Der geht nächsten Freitag offline, weil er zu teuer ist. Der wird in unserer Holding GmbH eingefroren. Wir sind vier Holders, die entschieden haben, dass ganze Ding zu liquidieren. Aber unser Hauptkapital ist natürlich das Wissen unserer Mitarbeiter. Wenn die irgendwann weg sind und woanders arbeiten, dann ist die Plattform innerhalb eines halben Jahres technologisch veraltet. Im Moment bin ich damit beschäftigt, wie ich den Leuten helfen kann, etwas Neues zu finden.

Pop100: Wie war die Zusammenarbeit mit den börsennotierten Kandidaten wie Live Nation und anderen Majors im Konzertbereich?

Kniest: Nicht existent. Live Nation glaubt, dass sie das selber machen können genauso wie Sony. Aber sie machen es nicht und an Partnerschaften sind sie nicht interessiert. Das Problem ist, wenn damit kein Geld verdient werden kann, wird es auch nicht angegangen, aber mit anderen zusammenarbeiten wollen sie auch nicht.

Mann konnte das gut in England beobachten, als die Mama Group, EMG und die Beggars Group vor zwei Jahren so etwas versucht haben. Aber sie haben nicht genug in die Plattform und die Promotion investiert, um sie gut an den Start zu bringen. Sie hatten zwar genug Content, aber jemand anderes sollte den Rest finanzieren. Das ist das Problem, das ich gesehen habe.

Jetzt wo das Ende in Sicht ist, merken die Leute, was sie an Fabchannel gehabt haben. In den letzten Stunden war es wirklich hektisch hier. Noch eine Woche. "The Future was wide open", sagt Tom Petty.

Interview mit Justin Kniest, Fabchannel.com
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