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Pop-Dialog vom 22.12.2008
Interview mit Boris Fust, Intro
Boris Fust
Pop100 wagt mit Boris Fust, Chefredakteur Intro Festivalguide, einen Blick in die mediale Zukunft und erörtert die Daseinsberechtigung des Musikjournalismus in Zeiten von Blogs und MySpace.

Pop100: Wie schätzt du die Zukunftsaussichten des Musikjournalismus’ ein? Macht user generated content den Musikjournalismus als solchen obsolet?

Boris Fust: Nein. User generated content hat bislang keine einzige journalistische Form obsolet gemacht. Blogs suchen Songs heraus und empfehlen sie weiter, stellen sie zur Verfügung und entdecken zum Teil Sachen. Das sind aber keine journalistischen Formate, die irgendetwas einzuordnen wüssten. An Künstler kommen Blogs auch nicht heran, ihr proto-journalistisches Angebot ist allenfalls im Tonträger-Rezensionsbereich zu verorten. Das ist journalistisch nicht ernst zu nehmen und auch keine Bedrohung.

Pop100: Aber warum sind die Zugriffszahlen um den Faktor 1.000 bei Youtube oder MySpace ungleich höher als beispielsweise bei Intro.de? Auch Laut.de oder MTV können gegenüber den großen Networks bezogen auf Zugriffszahlen nicht mithalten.

Fust: Das liegt aber nicht daran, dass Youtube irgendeine Art von Musikjournalismus betreiben würde. Natürlich ist die Nachfrage nach Musik immer ungleich größer als die Nachfrage nach irgendwelchen Musik-Metaprodukten wie der Musikjournalismus naturgemäß eines darstellt.

Pop100: Aber braucht es Musikjournalismus dann überhaupt noch, wenn sich die Leute direkt über Youtube informieren, was sie gerne hören möchten?

Fust: Informieren kann man sich da ja in aller Regel nicht. Man kann sich nur etwas anhören. Das Bedürfnis, mit den Musikern auf Tuchfühlung zu gehen, besteht natürlich weiterhin. Und das wird abgefrühstückt von den etablierten Medien, wie gehabt.

Pop100: Aber die etablierten Medien sind unglaublich unter Druck. Die Auflagen- und Verkaufszahlen erodieren. Deswegen finde ich es sehr, sehr optimistisch, davon zu reden, dass der Musikjournalismus davon nicht tangiert ist.

Fust: Wirtschaftlich betrachtet sieht es selbstverständlich anders aus: Die Medienkrise betrifft Nischentitel natürlich am stärksten. Es gab mal eine Zeit, in der Plattenfirmen noch Anzeigen geschaltet haben. Das kommt heutzutage kaum noch vor. Das ist auch mit den Erlösen aus dem Live-Geschäft nicht mehr zu puffern. Das einzige, was noch bleibt, sind Markenartikler als Anzeigenkunden. Bei diesen schlägt aber die allgemeine Wirtschaftskrise durch, wenn auch noch nicht im vollen Umfang, was aber absehbar ist. Hier haben zudem Auflagen wie das Tabakwerbeverbot einiges an Verwüstung hinterlassen.

Pop100: Wie wird sich der Musikjournalismus in naher Zukunft weiterentwickeln?

Fust: Der Musikjournalismus muss inhaltlich reagieren. Man braucht ihn noch, aber man braucht ihn in einer neuen Form. Im Zentrum der Berichterstattung muss anders als bisher nicht mehr das veröffentlichte Album, sondern der Live-Bereich, der bekanntlich immer wichtiger wird, stehen: Die Terminstrecken müssen ausgeweitet werden, der Berichtanlass über eine Band muss der Tourstart bzw. die Tourneeankündigung sein, Bands müssen auf Tour besucht werden, Reportagen müssen im Backstagebereich recherchiert werden. Dieser Bereich der Themenpalette muss deutlich aufgestockt werden.

Pop100: Welche Rolle wird das bewegte Bild in diesem Kontext spielen?

Fust: Bewegbild wird natürlich immer wichtiger. Es gibt bereits durchaus profunde Überlegungen, das Erbe der Musikindustrie in die neuen Medien hinein zu überführen. Unser Unternehmen ist diesbezüglich hervorragend aufgestellt.

Pop100: Gleichzeitig ist zu beobachten, dass die Universals und EMIs dieser Welt natürlich auch versuchen, Traffic auf ihren Seiten zu generieren. Beispielsweise UK-Sounds.de. Das soll eine Seite sein, die hauptsächlich über Britpop und Artverwandtes berichtet. Wenn man aber ins Impressum schaut, entpuppt sie sich als ein Angebot von Universal. Das zeigt, dass auch die klassische Musikindustrie dabei ist, sich als Medien zu positionieren und nicht nur als Verkäufer von Musik.

Fust: Dabei wünsche ich ihnen viel Vergnügen und gute Unterhaltung. Wenn die alle Themen so frühzeitig entdecken wie jetzt den Britpop, dann haben unabhängige Medien ein ernstes Problem. Doch Spaß beiseite: Das ist keine neue Entwicklung. Universal macht das seit geraumer Zeit, siehe Jazzecho oder Pure. Diese Versuche sind mal mehr, mal weniger gelungen. Aber immer berichtet der Produkthersteller dort über seine Produkte, was zur Folge hat, das etwas außerordentlich Wichtiges fehlt: Credibility. Dort wird kein Journalismus betrieben, sondern eine spezielle Form von Marketing.

Pop100: Kümmert das die Leser überhaupt oder ist das nur ein Phänomen, was Fachkräfte problematisieren, weil dort ein weiterer Mitbewerber entsteht?

Fust: Ich bin mir sicher, dass sich der Leserkreis für diese Produkte in Grenzen hält. Die Versuche von Plattenfirmen, in diesem Geschäft Fuß zu fassen, sind in der Regel immer sehr kurzatmig. Eine Weile wird das gepusht, dann dümpelt es vor sich hin und schließlich verschwindet es stillschweigend wieder.

Pop100: Der Stellenabbau hat in der Branche auch die großen, etablierten Musikmedien erreicht, auch wenn man es den Magazin auf den ersten Blick nicht anmerkt. Wird das noch dramatischer werden? Werden wir noch mehr Kollegen an andere Berufe verlieren?

Fust: Davon ist auszugehen. Die Medien sind ja seit geraumer Zeit in der Krise. Das betrifft natürlich auch den Musikjournalismus. Hauptgrund ist, dass die große Plattenfirmen-Alimentierung weg gebrochen ist. Das bietet inhaltlich natürlich auch Chancen, weil jetzt wesentlich freier berichtet werden kann.

Pop100: Wie stehst du zu Blogs als Musikmediensubstitut?

Fust: Das ist möglicherweise eine Ergänzung. Es macht den Gegenstand, über den berichtet wird, sehr viel schneller zugänglich. Aber es ist natürlich überhaupt kein Substitut für irgendein Medium. Blogs machen Musik vor allem leichter zugänglicher, was eine sehr schöne und angenehme Angelegenheit ist. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass der Downloadmarkt, der sich zum ersten Mal angeblich günstig entwickelt haben soll, durch Bewegbild-Streaming-Formate eben auch in Blogs, in die das bequem eingebunden werden kann, nicht mal mittelfristig, sondern wahrscheinlich kurzfristig zerstört werden wird. Niemand oder nur ganz wenige kommen noch auf die Idee, sich etwas herunterzuladen und damit in einen non-physischen Besitz irgendwelcher Musik zu geraten. Das ist ja auch völlig unnötig, so lange Youtube online ist. Dort oder auf anderen Plattformen kann ich mir sofort Musikinhalte on demand anschauen respektive anhören. Das wird mittelfristig auch flächig im Mobility-Bereich möglich sein. Das ist das Ende des Downloads und darauf abgestellter Vergütungsmodelle.

Pop100: Gab es irgendeine Geschichte oder ein Magazin, das dich beeindruckt hat ob der journalistischen Qualität, die dort geboten wurde?

Fust: Nein (lacht). Es ist ein bisschen bizarr. Wenn man die Plattenfirmen eine Weile bei ihrem großen Sterben beobachtet hat, hat man sich immer gewundert, warum die eigentlich nichts dagegen getan haben. Nun ist aber zu beobachten, wie Musikmedien offenbar ähnliche Schwierigkeiten der Neuerfindung haben. Bis der fällige Umbau der redaktionellen Programme erfolgt ist, vergeht mehr Zeit, als anzunehmen gewesen wäre, zumal es sich um kleine, allenfalls mittelständische Unternehmen handelt und nicht um Firmen, die zu Vivendi oder einem anderen Großkonzern gehören.

Pop100: Trotzdem, gab es nicht irgendein Musikmedium, was dich besonders begeistert hat?

Fust: Was mich beeindruckt hat ist die Geschwindigkeit, mit der die großen Feuilletons inzwischen reagieren. Die sind mit uns zum Teil inzwischen gleich auf. Das betrifft die Berliner Zeitung und das betrifft die Frankfurter Allgemeine, die ihre Themenpalette praktisch von einem Tag auf den anderen auf Hipness umgestellt haben.

Pop100: Immerhin hat es Farin Urlaub in den Wirtschaftsteil der FAZ mit einem Interview geschafft.

Fust: Ja, und Scooter es ins Feuilleton. Das ist etwas, für das es vor einigen Jahren noch viel Phantasie gebraucht hätte.

Pop100: Was steht bei dir für 2009 auf dem Programm?

Fust: Die Aufrechterhaltung meiner beruflichen Tätigkeit.

Pop100: Die Top 5 deiner Musikmedien?

Fust: FAZ, Spex, der Musikblog der LA Times, Deutschlandfunk und Youtube.
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