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Pop-Dialog vom 30.04.2008
Max Dax: Wir sind nicht Vanity Fair
Max Dax by Max Dax
Große mediale Wogen hat er geschlagen, der Umzug des Kölner Traditionsblattes Spex nach Berlin Anfang 2007. Kein leichtes Erbe also, das Chefredakteur Max Dax antrat. Nichts Geringeres als der umfassende Relaunch des "Magazins für Popkultur" sollte am neuen Standort mit neuer Redaktion gelingen. Pop100 traf Max Dax in Berlin zum Erfahrungsplausch.

Pop100: Wie bist du zur Spex gekommen?

Max Dax: Durch einen Zufall. Ich hatte 2006 längst abgeschlossen mit der Spex, die mich in den Achtzigern entscheidend und nachhaltig geprägt hatte. Eigentlich wollte ich meinen heutigen Verleger Alexander Lacher davon überzeugen, meine Zeitschrift Alert, mit der ich zwei Mal Pleite gegangen bin, mit radikalerem Konzept in seinem Verlag zu veröffentlichen. Im Zuge dieses Gespräches, das in einem bodenständigen italienischen Restaurant in Westberlin stattfand, fragte er mich, ob ich mir nicht vorstellen könne, statt Alert mit ihm ein neues Kapitel Spex zu wagen.

Pop100: Wie hast du die Woge der Kritik, die mit dem Wechsel der Spex von Köln nach Berlin über dich hereingebrochen ist, verkraftet?

Max Dax: Wir waren darauf gefasst, dass es irgendeine Art von emotionaler Reaktion geben würde. Aber von der Härte und dem Ausmaß waren wir alle extrem überrascht. Im Nachhinein denke ich aber, dass es auch gut war, so etwas Mal erlebt zu haben. Denn wenn man es positiv sieht, dann hat diese Schlammschlacht es uns überhaupt erst ermöglicht, die notwendigen Reformen ohne falsche Rücksichten anzugehen, einfach weil wir wussten, dass wir ohnehin unterschiedslos für alles, was wir machen, kritisiert werden. Der Ruf war gewissermaßen von Anfang an ruiniert wir konnten die Spex zu dem machen, was sie heute ist eine Erfolgsgeschichte.

Pop100: Bislang wurde die Spex-Redaktion immer verjüngt. Du bist aber nun ein Routinier. Hat dich die Spex jünger gemacht?

Max Dax: Ich glaube, dass es nur am Rande um mein Alter geht. Die Redaktion besteht ja aus jungen Menschen. Nach meiner Interpretation ist es die Aufgabe eines Chefredakteurs, die Verantwortung zu tragen und auch in brenzligen Situationen die Nerven zu behalten. Ich bin ja nicht derjenige, der nächtelang durch Berlins Klubszene ziehen muss. Ich bin derjenige, der versuchen muss, dass ein Titel wie die Spex überleben kann in einem Umfeld, das so schwer ist, wie noch nie, seit das Blatt 1980 gegründet wurde. Um ein Beispiel zu nennen: Dass die Musikindustrie bröckelt und zerbricht, hinterlässt auch Spuren an einem Titel wie der Spex. Ich bin geholt worden, um zu helfen, dass die Spex diese Krise überlebt. Hinzu kam mein persönlicher Antrieb, dass ich nämlich anknüpfen wollte an die interdisziplinäre Offenheit der Spex der Achtziger. Nach etwas mehr als einem Jahr in Berlin kann man jetzt sagen, dass uns beides halbwegs gelungen ist. Insofern kann es so schlecht ja nicht gewesen sein.

Pop100: Rubriken wie Games, die man als typisch "jung" assoziiert, wurden abgeschafft. Ist das deine Handschrift als Chefredakteur?

Max Dax: Nein, meine Handschrift würde ich nicht an diesem Medium bzw. dessen Fehlen festmachen wollen. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass wir Games und andere Themen mit der nächsten Erhöhung des Heftumfanges wieder aufgreifen werden. Es handelt sich also in keinster Weise um irgendwelche ideologischen Entscheidungen. Zumal wir uns mit der Reihe "Digitale Evolution" kritisch mit digitalen Medien und all ihren Konsequenzen bis hin zu philosophischen Implikationen auseinandersetzen.

Eine ganz klare Trennlinie, die wir hingegen gezogen haben ist, dass wir keinerlei Form von Service-Journalismus mehr zulassen. Das ist der große Bruch zu der Spex der jüngeren Vergangenheit, aber auch ein großes Unterscheidungsmerkmal zu einigen unserer Mitbewerber auf dem Markt. Wir verknüpfen Inhalte und popkulturelle Phänomene und wollen damit einen Raum für Erkenntnisse schaffen. Wir versuchen, den Dingen auf den Grund zu gehen. Dafür braucht es Ruhe, Zeit für Recherche und Überblick. So öffnen wir uns mehr und mehr auch neuen Themen. Das widerspricht natürlich einer Philosophie, die eine Zeitschrift als Dienstleistungsgazette für eine Leserschaft betrachtet, die in letzter Konsequenz Kauftipps von dieser erwartet.

Pop100: Wie sehr gönnt dir dein Verleger kostenintensive Reportagen, die sich die Spex offensichtlich leistet? Wäre Service-Journalismus nicht einfach auch preiswerter?

Max Dax: Eines ist klar, wir können nicht wie andere Magazine, die große Verlagshäuser hinter sich haben, aus dem Vollen schöpfen. Wir sind nicht Vanity Fair. Service-Journalismus wäre natürlich preiswerter gekommen. Doch diese Option stand in Berlin nie zur Debatte. Wir mussten einen mühsamen Weg beschreiten, der die von uns angestrebte blattmacherische und inhaltliche Qualität trotz spürbarer Budgetrestriktionen trotzdem möglich macht: Wir vergeben deutlich weniger Aufträge an Freie als unsere Vorgängerredaktion, machen so viel wie möglich inhäusig, schreiben als Redaktion viel selbst, schöpfen unsere Ressourcen aus.

Dabei wird oft übersehen, dass wir bei Spex mittlerweile gänzlich auf Promotion-Fotografie verzichten. Anstatt den Blick anderer zu benutzen haben wir den eigenen Blick installiert. So ein Schritt kostet natürlich Geld, von den Fahrtkosten bis hin zum Honorar für den Fotografen. Aber diese Veränderungen haben sich ausgezahlt: Die Auflage geht stetig nach oben. Ich habe das Gefühl, dass der Titel wieder gelesen wird, während er zuletzt nur wahrgenommen wurde.

Pop100: Wie hat sich die Arbeit in Berlin im Vergleich zur "Kölner" Spex geändert?

Max Dax: Die Arbeit der Kölner hat unter einem anderen Stern gestanden. Die haben die Spex zu einer Zeit gemacht, in der man noch von einer funktionierenden Musikindustrie hat sprechen können.

Für uns bedeutete das, dass wir uns überlegen mussten, wie wir das Heft öffnen können, ohne von einer Industrie abhängig zu sein, die uns im Zweifelsfall fallen lässt. Wir haben daher den Untertitel der Spex, "Magazin für Popkultur", wörtlich genommen und begonnen, interdisziplinär und interfakultär zu denken. Wir wollen mit zusätzlichen Themen wie Film, Mode, Kunst und Literatur eine Leserschaft ansprechen, die vielleicht noch treuer ist als die Vorangegangene. Das soll jedoch kein Diss gegenüber der alten Redaktion sein.

Pop100: Die Zukunft der Spex?

Max Dax: Wir haben zwei Begriffe, die wir intern benutzen und die ziemlich klar umreißen, wie wir selber das Heft sehen. Der eine Begriff ist das Wort "Erkenntnisschnittstelle" und beschreibt, was wir uns von dem Print-Heft erhoffen. Wir als Redaktion sind dann gut und erfolgreich, wenn wir in der Lage sind, dem Leser mit jedem Heft eine Reihe von neuen Erkenntnissen mit auf den Weg zu geben und ihn mit unerwarteten Themen überraschen.

Der andere Begriff mit dem wir arbeiten, beschreibt unsere Ambitionen in den neuen Medien und heißt "Startrampe". Im Internet sind wir erfolgreich, wenn der Besuch von spex.de dazu führt, dass man überraschende neue Erkenntnisse mitnimmt, gerne schnell und auf der Durchreise. In beiden Fällen ist der Antrieb derselbe, der Wunsch weiter zu kommen und den Horizont zu erweitern.

Wir haben darüber hinaus mehrere Pilot-Projekte: Eines ist eine Art Musikfernsehen bzw. Kulturfernsehen, das wir hier in Berlin planen. Auf der letzten Spex-Abonnenten DVD hat man ein erstes Ergebnis, eine Zusammenarbeit mit Monitorpop aus Berlin, sehen können. Das war ein Interview mit Mark Stewart, wo wir versucht haben, Dinge, die im Print funktioniert haben, zu übertragen auf das bewegte Bild.

Und das andere, woran wir arbeiten, ist das Format Radio. Wir planen ein kommentiertes Radio, wo wir anknüpfen wollen an das alte Format des Erzählradios, in dem die Musik die Themen vorgibt, über die gesprochen wird. Hier ist also die Musik abermals eine Schnittstelle für etwas, das weiter führt. Natürlich wollen wir auch unsere Online-Geschichten weiter ausbauen. Was uns noch fehlt, sind Blogs. Die scheinen schwer in unsere Internetseite hineinzuprogrammieren zu sein. Egal. Irgendwann kommen die auch, aber die dürfen nicht unter unser etabliertes Print-Niveau fallen. Wir warten mit all diesen Vorstößen lieber einen Monat länger und machen dann den richtigen Blog, die richtige TV-Show und das richtige Radio, anstatt zu früh unser Pulver zu verschießen und mit halbgaren Ergebnissen zu landen.

Man darf nicht vergessen: Unser Hauptanliegen war es, den alten Tanker Spex wieder auf Kurs zu bringen. Das haben wir mit einer massiven Auflagen- und Anzeigensteigerung offenbar jetzt geschafft. Wir können jetzt zum ersten Mal hier in Berlin sagen, dass wir den Kopf frei für andere Dinge haben. Wir sind sehr glücklich, dass das Heft von den Lesern und vom Markt angenommen wird. Jetzt können wir die nächsten Schritte gehen und das mit der gleichen Sorgfalt, mit der wir auch das Printheft angegangen sind.

Pop100: Abschließende Frage: die Top5 deiner Lieblingsmusikmedien?

Max Dax:

Popjustice.com

Expectingrain.com

The Wire

Reinald Götz: "Klage"

Uncut

Max Dax, 1969 als Maximilian Bauer in Kiel geboren, ist Journalist, Fotograf und Grafiker und war Herausgeber der Interview-Zeitschrift Alert. Dax ist unter anderem Autor der Künstlerbiographien "Nur was nicht ist ist möglich - Die Geschichte der Einstürzenden Neubauten" (2005, zusammen mit Robert Defcon) und "The Life and Music of Nick Cave" (2000, zusammen mit Johannes Beck).
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Große mediale Wogen hat er geschlagen, der Umzug des Kölner Traditionsblattes Spex nach Berlin Anfang 2007. Kein leichtes Erbe also, das Chefredakteur Max Dax antrat. Nichts Geringeres als der umfassende Relaunch des "Magazins für Popkultur" sollte am neuen Standort mit neuer Redaktion gelingen. Pop100 traf Max Dax in Berlin zum Erfahrungsplausch.
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